ZWEITER AUFZUG
Vorsaal mit Seiteneingängen im Forsthause
Nr. 6 - Duett
ÄNNCHEN
(steht auf einem Fusstritt, hat das Bild des ersten Kuno wieder aufgehängt und hämmert den Nagel fest)
Schelm! halt fest;
Ich will dich's lehren!
Spukerei'n kann man entbehren
In solch altem Eulennest.
AGATHE
(bindet einen Verband von der Stirn)
Lass das Ahnenbild in Ehren!
ÄNNCHEN
Ei, dem alten Herrn
Zoll' ich Achtung gern;
Doch dem Knechte Sitte lehren,
Kann Respekt nicht wehren -
AGATHE
Sprich, wen meinst du?
Welchen Knecht?
ÄNNCHEN
Nun, den Nagel! Kannst du fragen?
Sollt' er seinen Herrn nicht tragen?
Liess ihn fall'n!
War das nicht schlecht?
AGATHE
Ja, gewiss!
ÄNNCHEN
Liess ihn fall'n, war das nicht schlecht?
AGATHE
das war nicht recht.
AGATHE UND ÄNNCHEN
Gewiss, gewiss, gewiss
AGATHE
das war nicht recht.
ÄNNCHEN
das war recht schlecht!
AGATHE UND ÄNNCHEN
Gewiss, gewiss, gewiss
AGATHE
das war nicht recht.
ÄNNCHEN
das war recht schlecht!
(Sie steigt herab)
AGATHE.
Alles wird dir zum Feste,
Alles beut dir Lachen und Scherz?
O wie anders fühlt mein Herz!
O wie anders fühlt mein Herz!
ÄNNCHEN
Grillen sind mir böse Gäste!
Immer mit leichtem Sinn
Tanzen durchs Leben hin,
Das nur ist Hochgewinn!
Sorgen und Gram muss man verjagen!
Sorgen und Gram muss man verjagen!
Immer mit leichtem Sinn!
Grillen sind mir böse Gäste!
Immer mit leichtem Sinn
Tanzen durchs Leben hin,
Das nur ist Hochgewinn!
Grillen sind mir böse Gäste, böse, böse Gäste
AGATHE
Wer bezwingt des Busens Schlagen?
ÄNNCHEN
Grillen sind mir böse Gäste!
AGATHE
Wer der Liebe süssen Schmerz?
ÄNNCHEN
Immer mit leichtem Sinn
Tanzen durchs Leben hin,
Das nur ist Hochgewinn!
AGATHE
Stets um dich, Geliebter, zagen.
ÄNNCHEN
Sorgen und Gram muss man verjagen!
Sorgen und Gram muss man verjagen!
AGATHE
Muss dies ahnungsvolle Herz.
ÄNNCHEN
Das nur ist Hochgewinn!
Grillen sind mir böse, böse Gäste!
Immer mit leichtem Sinn
Tanzen durchs Leben hin,
AGATHE
Muss dies ahnungsvolle Herz.
ÄNNCHEN
Das nur ist Hochgewinn!
Grillen sind mir böse Gäste!
böse, böse Gäste!
AGATHE
Stets um dich, Geliebter, zagen.
ÄNNCHEN
Immer mit leichtem, mit leichtem Sinn
Tanzen durchs Leben hin,
AGATHE
Muss dies ahnungsvolle Herz.
ÄNNCHEN
Tanzen durchs Leben, durchs Leben hin,
Grillen sind mir böse, böse Gäste!
AGATHE
Um dich muss es zagen,
ÄNNCHEN
Grillen sind mir böse, böse Gäste!
AGATHE
dies ahnungsvolle Herz.
ÄNNCHEN
(Sie besieht sich das Bild)
So! nun wird der Altvater wohl wieder
ein Jahrhundert festhängen.
AGATHE
Wo nur Max bleibt?
Es ist so still und einsam hier.
ÄNNCHEN
Ungemütlich ist es schon,
wenn sich längst vermoderte Herrschaften
von den Wänden herabbemühen.
Da lob' ich mir die lebendigen und jungen!
ÄNNCHEN
Kommt ein schlanker Bursch gegangen,
Blond von Locken oder braun,
Hell von Aug' und rot von Wangen,
Ei, nach dem kann man wohl schaun.
Ei, nach dem kann man wohl schaun.
Ei, nach dem, nach dem kann man wohl schaun!
Zwar schlägt man das Aug' aufs Mieder
Nach verschämter Mädchenart;
Doch verstohlen hebt man's wieder,
Wenn's das Herrchen nicht gewahrt.
Doch verstohlen hebt man's wieder,
Wenn's das Herrchen nicht gewahrt.
es nicht gewahrt, es nicht gewahrt.
Sollten ja sich Blicke finden,
Nun, was hat das auch für Not?
Man wird drum nicht gleich erblinden,
Wird man auch ein wenig rot,
ein wenig rot, ein wenig rot.
Blickchen hin und Blick herüber,
Bis der Mund sich auch was traut!
Er seufzt: Schönste! Sie spricht: Lieber!
Bald heisst's Bräutigam und Braut,
Bald heisst's Bräutigam und Braut,
Bräutigam und Braut.
Immer näher, liebe Leutchen!
Wollt ihr mich im Kranze sehn?
Gelt, das ist ein nettes Bräutchen,
Und der Bursch nicht minder schön,
Und der Bursch nicht minder schön,
und der Bursch, der Bursch nicht minder schön!
Immer näher, liebe Leutchen,
Wollt ihr mich im Kranze sehn?
Gelt? das ist ein nettes Bräutchen,
und der Bursch, der Bursch nicht minder schön,
nicht minder schön!
Immer näher, liebe Leutchen,
Wollt ihr mich im Kranze sehn,
im Kranze sehn.
AGATHE
(die während des Liedchens angefangen hat, das Kleid mit Band zu besetzen, fällt am Schluss mit ein)
Und der Bursch nicht minder schön!
ÄNNCHEN
So gefällst du mir, Agathe!
Erzähle doch! Noch weiss ich gar nicht,
wie dein Besuch bei dem Eremiten abgelaufen ist,
Nur, dass dir der fromme Greis
diese geweihten Rosen geschenkt hat.
AGATHE
Er warnte mich vor einer großen Gefahr,
Das herabstürzende Bild konnte mich töten!
Nun ist seine Warnung ja in Erfüllung gegangen.
ÄNNCHEN
Ja, So muss man böse Vorbedeutungen nehmen!
AGATHE
Die Rosen sind mir nun doppelt teuer.
ÄNNCHEN
Aber dann lass uns auch zu Bette gehn!
AGATHE
Nein. Max wollte doch noch einmal kommen.
AGATHE
Wie nahte mir der Schlummer,
Bevor ich ihn gesehn?
Ja, Liebe pflegt mit Kummer
Stets Hand in Hand zu gehn!
Ob Mond auf seinem Pfad wohl lacht?
(Sie öffnet die Altantür, so dass man in eine sternenhelle Nacht sieht)
Welch schöne Nacht!
(Sie tritt in den Altan und erhebt in frommer Rührung ihre Hände)
Leise, leise,
Fromme Weise!
Schwing dich auf zum Sternenkreise.
Lied erschalle!
Feiernd walle
Mein Gebet zur Himmelshalle!
(Hinausschauend)
O wie hell die goldnen Sterne,
Mit wie reinem Glanz sie glühn!
Nur dort in der Berge Ferne,
Scheint ein Wetter aufzuziehn.
Dort am Wald auch schwebt ein Heer
Dunkler Wolken dumpf und schwer.
Zu dir wende
Ich die Hände,
Herr ohn' Anfang und ohn' Ende!
Vor Gefahren
Uns zu wahren
Sende deine Engelscharen! -
(Wieder hinausschauend)
Alles pflegt schon längst der Ruh';
Trauter Freund, wo weilest du?
Ob mein Ohr auch eifrig lauscht,
Nur der Tannen Wipfel rauscht;
Nur das Birkenlaub im Hain
Flüstert durch die hehre Stille -
Nur die Nachtigall und Grille
Scheint der Nachtluft sich zu freun. -
Doch wie? Täuscht mich nicht mein Ohr?
Dort klingt's wie Schritte!
Dort aus der Tannen Mitte
Kommt was hervor!
Er ist's! er ist's!
Die Flagge der Liebe mag wehn!
(Sie winkt mit einem weissen Tuch)
Dein Mädchen wacht
Noch in der Nacht! -
Er scheint mich noch nicht zu sehn!
Gott, täuscht das Licht des Monds mich nicht,
So schmückt ein Blumenstrauss den Hut!
Gewiss, er hat den besten Schuss getan!
Das kündet Glück für morgen an!
O süsse Hoffnung! Neu belebter Mut! -
All meine Pulse schlagen,
Und das Herz wallt ungestüm,
Süss entzückt entgegen ihm!
Süss entzückt entgegen ihm!
Konnt' ich das zu hoffen wagen?
Konnt' ich das zu hoffen wagen?
Konnt' ich das zu hoffen wagen?
Ja, es wandte sich das Glück
Zu dem teuern Freund zurück:
Will sich morgen treu bewähren! -
Will sich morgen treu bewähren! -
Ist's nicht Täuschung? -
Ist's nicht Wahn?
Himmel, nimm des Dankes Zähren
Für dies Pfand der Hoffnung an!
Himmel, nimm des Dankes Zähren
Für dies Pfand der Hoffnung an!
All meine Pulse schlagen,
Und das Herz wallt ungestüm,
All meine Pulse schlagen,
Und das Herz wallt ungestüm,
Süss entzückt entgegen ihm,
entgegen ihm!
Süss entzückt entgegen ihm,
Süss entzückt entgegen ihm,
entzückt entgegen ihm!
AGATHE
Bist du endlich da, lieber Max!
MAX
Meine Agathe!
Verzeiht, wenn ihr meinetwegen aufgeblieben seid!
Leider komm' ich nur auf wenig Augenblicke.
AGATHE
Du willst doch nicht wieder fort?
MAX
Es muss sein.
AGATHE
Wieder unglücklich gewesen?
MAX
Nein! Im Gegenteil!
AGATHE
Was hast du getroffen?
Heut ist mir's von großer Wichtigkeit.
MAX
(mit ängstlicher Verlegenheit)
Ich war gar nicht beim Sternschießen!
AGATHE
Und sagst doch, du seist glücklich gewesen?
MAX
Ja, unglaublich glücklich. Sieh!
(Er zeigt ihr den Federbusch auf dem Hut)
Den größten Raubvogel hab' ich aus den Wolken geholt!
(Er bemerkt Blut an ihrer Stirn)
Aber was ist das? Du bist verwundet?
Um aller Heiligen willen, was ist dir begegnet?
AGATHE
Ach, nichts! soviel wie nichts,
MAX
Aber so sagt doch nur -
ÄNNCHEN
Das Bild dort fiel herunter -
Halb und halb war Agathe selbst schuld.
Wer hieß ihr auch,
schon nach sieben Uhr immer ans Fenster zu laufen!
Da ließ sich doch kaum erwarten,
dass du schon heimkämst.
MAX
Seltsam!
(für sich)
Um diese Zeit schoss ich den Bergadler.
AGATHE
Was hast du?
MAX
Nichts!
AGATHE
(zu Max)
Steh nicht so in dich gekehrt!
Ich liebe dich ja so innig.
Solltest du morgen nicht glücklich sein,
solltest du mir, ich dir entrissen werden.
Der Gram würde mich töten.
MAX
Eben, darum muss ich wieder fort!
Ich hab' in der Dämm'rung
einen Sechzehnender geschossen;
der muss noch hereingeschafft werden.
AGATHE
Wo liegt der Hirsch?
MAX
Ziemlich weit, bei der Wolfsschlucht!
Nr. 9 - Terzett
AGATHE
Wie? Was? Entsetzen!
Dort in der Schreckensschlucht?
Dort in der Schreckensschlucht?
ÄNNCHEN
Der wilde Jäger soll dort hetzen,
Und wer ihn hört, ergreift die Flucht.
MAX
Darf Furcht im Herz des Weidmanns hausen?
AGATHE
Doch sündigt der, der Gott versucht!
MAX
Ich bin vertraut mit jenem Grausen,
Das Mitternacht im Walde webt;
Wenn sturmbewegt die Eichen sausen,
Der Häher krächzt, die Eule schwebt.
(Er nimmt Hut, Jagdtasche und Büchse)
AGATHE
O, ist so bang, o bleibe!
O eile nicht so schnell.
Mir ist so bang, o bleibe!
O eile nicht so schnell.
O eile, eile, eile nicht!
Mir ist so bang!
ÄNNCHEN
Ihr ist so bang, o bleibe!
O eile nicht so schnell!
O eile, eile nicht so schnell!
O eile, eile nicht!
AGATHE
Mir ist so bang!
o bleibe! O eile nicht so schnell,
MAX
Darf
Furcht im Herz des Weidmanns hausen?
AGATHE
Mir ist so bang, o bleibe!
O eile nicht so schnell.
O eile, eile, eile nicht!
ÄNNCHEN
O eile nicht so schnell!
O eile, eile nicht so schnell!
MAX
Ich bin vertraut
mit jenem Grausen, das Mitternacht
ÄNNCHEN
O eile, eile nicht!
AGATHE
Mir ist so bang!
MAX
im Walde webt;
MAX
(nach dem Altan hinten schauend, düster für sich)
Noch trübt sich nicht die Mondenscheibe;
Noch strahlt ihr Schimmer klar und hell;
Doch bald wird sie den Schein verlieren -
ÄNNCHEN
Willst du den Himmel observieren?
Das wär' nun meine Sache nicht!
Das wär' nun meine Sache nicht!
Das wär' nun meine Sache nicht!
MAX
Bald, ja bald wird sie
den Schein verlieren -
ja, bald wird sie den Schein verlieren -
ÄNNCHEN
den Himmel observieren
das wär' nun meine Sache nicht, meine Sache nicht!
AGATHE
So kann dich meine Angst nicht rühren?
MAX
Mich ruft von hinnen
Wort und Pflicht,
Mich ruft von hinnen Wort und Pflicht,
Mich rufen Wort und Pflicht!
AGATHE, MAX UND ÄNNCHEN
Leb' wohl! Lebe wohl!
Leb' wohl! Lebe wohl! Lebe wohl!
Leb' wohl! Lebe wohl!
MAX
Lebe wohl! Leb' wohl!
AGATHE UND ÄNNCHEN
Leb' wohl!
AGATHE, MAX UND ÄNNCHEN
Leb' wohl! Leb' wohl!
MAX
(geht hastig fort, kehrt aber in der Tür noch einmal zurück)
Doch hast du auch vergeben
Den Vorwurf, den Verdacht?
AGATHE
Nichts fühlt mein Herz als Beben,
Nimm meiner Warnung acht!
MAX
hast du auch vergeben
Den Vorwurf, den Verdacht?
Doch hast du auch vergeben
Den Vorwurf, den Verdacht?
AGATHE
Nichts fühlt mein Herz als Beben,
Nimm meiner Warnung acht!
ÄNNCHEN
So ist das Jägerleben, nie Ruh' bei Tag und Nacht! -
nie Ruh' bei Tag und Nacht, nie Ruh' bei Tag und Nacht,
nie Ruh' bei Tag und Nacht!
So ist das Jägerleben, nie Ruh'
bei Tag und Nacht, nie Ruh' bei Tag und Nacht,
AGATHE
Nichts fühlt mein Herz als Beben,
Nimm meiner Warnung acht!
MAX
hast du auch vergeben
Den Vorwurf, den Verdacht?
ÄNNCHEN
nie Ruh' bei Tag und Nacht, nie Ruhe,
nie Ruh' bei Tag und Nacht,
AGATHE
Nimm meiner Warnung acht!
MAX
hast du auch vergeben
ÄNNCHEN
So ist das Jägerleben, nie Ruh' bei Tag und Nacht! -
nie Ruh' bei Tag und Nacht, nie Ruh' bei Tag und Nacht,
AGATHE
Nimm meiner Warnung acht!
MAX
Den Vorwurf, den Verdacht?
AGATHE
Nimm meiner Warnung acht!
Nimm meiner Warnung acht!
ÄNNCHEN
So ist das Jägerleben,
nie Ruh' bei Tag und Nacht! -
MAX
Doch hast du auch vergeben
den Verdacht?
AGATHE
Weh mir, ich muss dich lassen!
ich muss dich lassen! ich muss dich lassen!
Denk' an Agathens Wort!
MAX
Bald wird der Mond erblassen,
Mein Schicksal reisst mich fort!
Mein Schicksal reisst mich fort!
ÄNNCHEN
(zu Agathe)
Such', Beste, dich zu fassen, zu fassen!
AGATHE UND ÄNNCHEN
(zu Max)
Denk' an Agathens Wort!
Denk' an Agathens Wort!
Denk' an Agathens Wort!…
MAX
Mein Schicksal reisst mich fort!
Mein Schicksal reisst mich fort!
Mein Schicksal reisst mich fort!…
Max den Hut tief in die Augen drückend, stürzt heftig ab.
Agathe und Ännchen ab
Verwandlung
Furchtbare Waldschlucht, grösstenteils mit Schwarzholz bewachsen, von hohen Gebirgen rings umgeben.
Nr. 10 - Finale
STIMMEN UNSICHTBARER GEISTER
Milch des Mondes fiel aufs Kraut!
Uhui! Uhui!
Spinnweb' ist mit Blut betaut!
Uhui! Uhui!
Eh' noch wieder Abend graut -
Uhui! Uhui!
Ist sie tot, die zarte Braut!
Uhui! Uhui!
Eh' noch wieder sinkt die Nacht,
Ist das Opfer dargebracht!
Uhui! Uhui! Uhui!
(Die Uhr schlägt ganz in der Ferne zwölf.)
KASPAR
Samiel! Samiel! erschein'!
Bei des Zaubrers Hirngebein!
Samiel! Samiel! erschein'!
SAMIEL
(tritt aus dem Felsen)
Was rufst du?
KASPAR
(wirft sich vor Samiel nieder. Kriechend.)
Du weisst, dass meine Frist
Schier abgelaufen ist -
SAMIEL
Morgen!
KASPAR
Verlängre sie noch einmal mir -
SAMIEL
Nein!
KASPAR
Ich bringe neue Opfer dir -
SAMIEL
Welche?
KASPAR
Mein Jagdgesell, er naht -
Er, der noch nie dein dunkles Reich betrat!
SAMIEL
Was sein Begehr?
KASPAR
Freikugeln sind's, auf die er Hoffnung baut!
SAMIEL
Sechse treffen, sieben äffen.
KASPAR
Die siebente sei dein!
Aus seinem Rohr lenk' sie nach seiner Braut;
Dies wird ihn der Verzweiflung weihn,
Ihn - und den Vater -
SAMIEL
Noch hab' ich keinen Teil an ihr!
KASPAR
(bange)
Genügt er dir allein?
SAMIEL
Das findet sich!
KASPAR
Doch schenkst du Frist? und wieder auf drei Jahr',
Bring ich ihn dir zur Beute dar!
SAMIEL
Es sei. - Bei den Pforten der Hölle!
Morgen er oder du!
(Samiel verschwindet unter dumpfem Donner.)
KASPAR
(richtet sich langsam und erschöpft auf und trocknet sich den Schweiss von der Stirn.)
Trefflich bedient!
Gesegn' es, Samiel!
Er hat mir warm gemacht! -
Aber wo bleibt Max? -
Sollte er wortbrüchig werden.
Samiel, hilf!
MAX
(wird auf einer Felsenspitze, sichtbar und beugt sich in die Schlucht herab.)
Ha! - Furchtbar gähnt
Der düstre Abgrund, welch ein Graun!
Das Auge wähnt
In einen Höllenpfuhl zu schaun! -
Wie dort sich Wetterwolken ballen,
Der Mond verliert von seinem Schein!
Gespenst'ge Nebelbilder wallen,
Belebt ist das Gestein!
hier - husch, husch!
Fliegt Nachtgevögel auf im Busch!
Rotgraue narb'ge Zweige strecken
Nach mir die Riesenfaust!
Nein! ob das Herz auch graust,
Ich muss! Ich trotze allen Schrecken!
KASPAR
(richtet sich auf und erblickt ihn)
Dank, Samiel! die Frist ist gewonnen!
(Zu Max)
Kommst du endlich, Kamerad?
Ist das auch recht, mich so allein zu lassen?
Siehst du nicht, wie mir's sauer wird!
(Er hat das Feuer mit dem Adlerflügel angefacht und erhebt diesen im Gespräch gegen Max.)
MAX
(nach dem Adlerflügel starrend.)
Ich schoss den Adler aus hoher Luft;
Ich kann nicht rückwärts - mein Schicksal ruft! -
(Er klettert einige Schritte, bleibt dann wieder stehen und blickt starr nach dem gegenüberliegenden Felsen.)
Weh mir!
KASPAR
So komm doch, die Zeit eilt!
MAX
Ich kann nicht hinab!
KASPAR
Hasenherz! Klimmst ja sonst wie eine Gemse!
MAX
Sieh dorthin! Sieh!
(Er deutet nach dem Felsen.)
Was dort sich weist,
Ist meiner Mutter Geist!
So lag sie im Sarg,
So ruht sie im Grab! -
Sie fleht mit warnendem Blick!
Sie winkt mir zurück!
KASPAR
(für sich)
Hilf, Samiel!
(Laut)
Alberne Fratzen! - Hahaha!
Sieh noch einmal hin,
damit du die Folgen deiner feigen Torheit erkennest.
(Die verschleierte Gestalt ist verschwunden, man erblickt Agathens Gestalt.)
MAX
Agathe! Sie springt in den Fluss!
Hinab! Hinab!
ich muss!
Agathe! Sie springt in den Fluss!
Agathe! Hinab!
ich muss! hinab! ich muss! hinab! ich muss!
(Die Gestalt verschwindet, Max klimmt vollends herab.)
KASPAR
(für sich)
Ich denke wohl auch!
MAX
(zu Kaspar)
Hier bin ich! Was hab' ich zu tun?
KASPAR
Zuerst trink einmal!
die Nachtluft ist kühl und feucht.
Willst du selbst giessen?
MAX
Nein! das ist wider die Abrede.
Was hab' ich zu tun?
KASPAR
Nichts!
Was du auch hören und sehen magst,
verhalte dich ruhig.
Käme vielleicht ein Unbekannter, uns zu helfen,
was kümmert's dich?
Nur wenn du mich selbst zittern siehst,
dann komm mir zu Hilfe und rufe,
was ich rufen werde,
sonst sind wir beide verloren.
MAX
Kaspar…
KASPAR
Still! Die Augenblicke sind kostbar!
(nimmt die Giesskelle.)
Merk' auf, damit du die Kunst lernst.
(Er nimmt die Ingredienzien aus der Jagdtasche und wirft sie nach und nach hinein.)
Hier erst das Blei. -
Etwas gestossenes Glas
von zerbrochenen Kirchenfenstern;
das findet sich! -
Etwas Quecksilber! -
Drei Kugeln, die schon einmal getroffen! -
Das rechte Auge eines Wiedehopfs! -
Das linke eines Luchses!
Probatum est! - Und nun den Kugelsegen!
Schütze, der im Dunkeln wacht!
Samiel! Samiel! hab' acht!
Steh mir bei in dieser Nacht,
Bis der Zauber ist vollbracht!
Salbe mir so Kraut, als Blei,
Segn' es sieben, neun und drei,
Dass die Kugel tüchtig sei!
Samiel! Samiel! herbei!
KASPAR
(giesst, lässt die Kugel aus der Form fallen und ruft:)
Eins!
DAS ECHO
Eins!
KASPAR
(giesst und zählt)
Zwei!
ECHO
Zwei!
KASPAR
Drei!
ECHO
Drei!
KASPAR
Vier!
ECHO
Vier!
KASPAR
Fünf!
ECHO
Fünf!
KASPAR
Wehe! Das wilde Heer!
CHOR
(unsichtbar)
Durch Berg und Tal,
durch Schlund und Schacht,
Durch Tau und Wolken,
Sturm und Nacht!
Durch Tau und Wolken,
Sturm und Nacht!
Durch Höhle, Sumpf
und Erdenkluft,
Durch Feuer, Erde,
See und Luft,
Joho! Wauwau!
Joho! Wauwau!
Joho! ho! ho! ho! ho! ho! ho!
KASPAR
Sechs!
ECHO
Sechs!
KASPAR
(zuckend und schreiend)
Samiel! - Samiel! - Samiel!
Hilf! - Sieben!
MAX
Samiel!
SAMIEL
(mit furchtbarer Stimme)
Hier bin ich!
(Max schlägt ein Kreuz und stürzt zu Boden.)
(Es schlägt eins. Plötzliche Stille. Samiel ist verschwunden.)