OPER
Ariane vor der Höhle auf dem Boden, regungslos. Najade links. Dryade rechts. Echo rückwärts an der Wand der Grotte.
NAJADE
Schläft sie?
DRYADE
Schläft sie?
NAJADE
Nein! sie weinet!
DRYADE
Weint im Schlafe!
Horch! sie stöhnet.
NAJADE
Sie weinet!
DRYADE
Weint im Schlafe!
ZU ZWEIEN
Ach! so sind wir sie gewöhnet.
NAJADE
Tag um Tag in starrer Trauer.
DRYADE
Ewig neue bittre Klagen.
NAJADE
Neuen Krampf und Fieberschauer.
Ewig neue bittre Klagen.
DRYADE
Wundes Herz auf ewig, ewig
ECHO
Ewig! Ewig!
ZU ZWEIEN
Unversöhnet!
ECHO
Unversöhnet!
ZU DREIEN
Ach, wir sind es eingewöhnet.
NAJADE
Wie der Wellen sanftes Gaukeln
DRYADE
Wie der Blätter leichtes Schaukeln,
NAJADE
Wie der Blätter leichtes Schaukeln,
ECHO
Wie der Wellen,
Wie der Blätter leichtes Schaukeln,
DRYADE
Wie der Wellen sanftes Gaukeln
ZU DREIEN
Gleitets' über uns dahin. -
ECHO
Gleitets' über uns dahin. -
NAJADE
Ihre Tränen, ihre Klagen,
DRYADE
Ihre Tränen, ihre Klagen,
NAJADE
Ach, seit wieviel Tagen,
DRYADE
Ach, seit wieviel Tagen,
NAJADE
Sie beschweren kaum den Sinn!
DRYADE
Sie beschweren kaum den Sinn!
ZU DREIEN
Ach,
DRYADE
Wie der Wellen sanftes Gaukeln
ECHO
Wie der Blätter leichtes Schaukeln,
NAJADE
Wie der Blätter leichtes Schaukeln,
DRYADE
Wie der Blätter
leichtes Schaukeln,
NAJADE, ECHO
sanftes Gaukeln
ZU DREIEN
Gleitets' über uns dahin. -
ARIADNE(an der Erde)
Ach!
ECHO
Ach!
ARIADNE
Wo war ich?
Tot? und lebe, lebe wieder
Und lebe noch?
Und ist ja doch kein Leben,
das ich lebe!
Zerstückelt Herz,
Willst ewig weiter schlagen?
(richtet sich halb auf)
Was hab' ich denn geträumt?
Weh! schon vergessen!
Mein Kopf behält nichts mehr;
Nur Schatten streichen
Durch einen Schatten hin.
Und dennoch,
etwas zuckt dann auf
und tut so weh!
Ach!
ECHO(in der Kulisse)
Ach!
HARLEKIN
Wie jung und schön und masslos traurig!
ZERBINETTA
Von vorne wie ein Kind,
doch unterm Aug' wie dunkel!
HARLEKIN, TRUFFALDIN
Und schwer, sehr schwer zu trösten,
fürchte ich!
ARIADNE(ohne ihrer irgendwie zu achten; vor sich, monologisch)
Ein Schönes war,
hiess Theseus - Ariadne
Und ging im Licht
und freute sich des Lebens,
Und ging im Licht
und freute sich des Lebens!
Ein Schönes war: Ariadne
Theseus -
Theseus und ging im Licht
und freute sich des Lebens!
Ariadne - Theseus
Warum weiss ich davon?
Ich will vergessen!
Dies muss ich nur noch finden:
es ist Schmach
Zerrüttet sein, wie ich!
Man muss sich schütteln:
ja, dies muss ich finden:
Das Mädchen, das ich war!
Jetzt hab' ich's - Götter!
dass ich's nur behalte!
Den Namen nicht -
der Name ist verwachsen
Mit einem anderen Namen,
ein Ding wächst
So leicht ins andere, wehe!
NAJADE, DRYADE, ECHO(als wollten sie sie erinnern, wachrufen)
Ariadne!
ARIADNE(abwinkend)
Nicht noch einmal!
Sie lebt hier ganz allein,
Sie atmet leicht, sie geht so leicht,
Kein Halm bewegt sich,
wo sie geht,
Ihr Schlaf ist rein, ihr Sinn ist klar,
Ihr Herz ist lauter wie der Quell:
Sie hält sich gut,
drum kommt auch bald der Tag,
Da darf sie sich
in ihren Mantel wickeln
Darf ihr Gesicht
mit einem Tuch bedecken
Und darf da drinnen liegen
Und eine Tote sein!
(Sie träumt vor sich hin.)
HARLEKIN(in der Kulisse)
Ich fürchte, grosser Schmerz
hat ihren Sinn verwirrt.
ZERBINETTA
Versucht es mit Musik!
SCARAMUCCIO, TRUFFALDIN
Ganz sicher, sie ist toll!
ARIADNE(ohne den Kopfzu wenden, vor sich; als hätte sie die letzten Worte in ihren Traum hinein gehört)
Toll, aber weise, ja! -
Ich weiss, was gut ist,
Wenn man es fern hält
von dem armen Herzen.
ZERBINETTA(in der Kulisse)
Ach, so versuchet doch ein kleines Lied!
HARLEKIN(in der Kulisse, singt)
Lieben, Hassen, Hoffen, Zagen,
Alle Lust und alle Qual,
Alles kann ein Herz ertragen
Einmal um das andere Mal.
ECHO(wiederholt seelenlos wie ein Vogel die Melodie von Harlekins Lied, Ohne Text)
HARLEKIN
Aber weder Lust noch Schmerzen,
Abgestorben auch der Pein,
Das ist tödlich deinem Herzen,
Und so musst du mir nicht sein!
Musst dich aus dem Dunkel heben,
Wär' es auch um neue Qual,
Leben musst du, liebes Leben,
Leben noch dies eine Mal!
ECHO(wie vorhin)(Ariadne, unbewegt, träumt vor sich hin.)
ZERBINETTA
Sie hebt auch nicht einmal den Kopf.
HARLEKIN
Es ist alles vergebens.
Ich fühlte es während des Singens.
(Echo wiederholt nochmals die Melodie.)
ZERBINETTA
Du bist ja ganz aus der Fassung.
HARLEKIN
Nie hat ein menschliches Wesen mich
so gerührt.
ZERBINETTA
So geht es dir mit jeder Frau.
HARLEKIN
Und dir vielleicht nicht mit jedem Mann?
ARIADNE(vor sich)
Es gibt ein Reich,
wo alles rein ist:
Es hat auch einen Namen:
Totenreich.
(hebt sich im Sprechen vom Boden)
Hier ist nichts rein!
Hier kam alles
zu allem!
Bald aber nahet ein Bote,
Hermes heissen sie ihn.
Mit seinem Stab
Regiert er die Seelen:
Wie leichte Vögel,
Wie welke Blätter
Treibt er sie hin.
Du schöner, stiller Gott!
Sieh! Ariadne wartet!
Ach, von allen wilden Schmerzen
Muss das Herz gereinigt sein,
Dann wird dein Gesicht mir nicken,
Wird dein Schritt vor meiner Höhle.
Dunkel wird auf meinen Augen,
Deine Hand auf meinem Herzen sein.
In den schönen Feierkleidern,
Die mir meine Mutter gab,
Diese Glieder werden bleiben,
Stille Höhle wird mein Grab.
Aber lautlos meine Seele
Folget ihrem neuen Herrn,
Wie ein leichtes Blatt im Winde
Folgt hinunter, folgt so gern.
Dunkel wird auf meinen Augen
Und in meinem Herzen sein,
Diese Glieder werden bleiben,
Schön geschmückt und ganz allein.
Du wirst mich befreien,
Mir selber mich geben,
Dies lastende Leben,
Du, nimm es von mir.
Du, nimm es von mir.
Du, nimm es von mir.
Dies lastende Leben,
Du
Du, nimm es von mir.
Dies lastende Leben,
Du, nimm es von mir.
An dich werd' ich mich ganz verlieren,
Bei dir wird Ariadne sein.
Bei dir wird Ariadne sein.
Harlekin (verwegen); Brighella(jung, tölpelhaft); Scaramuccio (Gauner, 50jährig); Truffaldin (alberner Alter); hinter ihnen Zerbineita. Kommen von vorne auf die Bühne, schicken sich an, Ariadne durch einen Tanz zu erheitern. Zerbinetta bleibt seitwärts an der Kulisse.
DIE VIER
Die Dame gibt mit trüben Sinn
Sich allzusehr der Trauer hin.
Was immer Böses widerfuhr,
Die Zeit geht hin und tilgt die Spur.
BRIGHELLA
Wir wissen zu achten
Der Liebe Leiden,
BRIGHELLA, HARLEKIN, TRUFFALDIN
Doch trübes Schmachten,
Das wollen wir meiden.
SCARAMUCCIO
Wir wissen zu achten
Der Liebe Leiden,
BRIGHELLA
Wir wissen zu achten
Der Liebe Leiden,
HARLEKIN
Wir wissen zu achten
Der Liebe Leiden,
BRIGHELLA, SCARAMUCCIO, HARLEKIN
Doch trübes Schmachten,
Das wollen wir meiden.
TRUFFALDIN
Wir wissen zu achten
Der Liebe Leiden,
TRUFFALDIN
Sie aufzuheitern,
SCARAMUCCIO
Naht sich bescheiden
BRIGHELLA, HARLEKIN
Mit den Begleitern
TRUFFALDIN
Naht sich bescheiden
DIE VIER
Dies hübsche Kind.
(Sie tanzen.)
BRIGHELLA
Es gilt, ob Tanzen,
Ob Singen tauge,
Von Tränen zu trocknen
Ein schönes Auge.
SCARAMUCCIO, HARLEKIN
Es trocknet Tränen
Die schmeichelnde Sonne,
HARLEKIN
Es trocknet Tränen
Der lose Wind:
TRUFFALDIN
Es gilt, ob Tanzen,
Ob Singen tauge,
Von Tränen zu trocknen
Ein schönes Auge.
SCARAMUCCIO, HARLEKIN
Von Tränen zu trocknen
Ein schönes Auge.
TRUFFALDIN
Es trocknet Tränen
Der lose Wind:
BRIGHELLA
Es gilt, ob Tanzen,
Ob Singen tauge,
Von Tränen zu trocknen
Ein schönes Auge.
SCARAMUCCIO, HARLEKIN
Es trocknet Tränen
Die schmeichelnde Sonne,
BRIGHELLA, HARLEKIN, TRUFFALDIN
Es trocknet Tränen
Der lose Wind:
ZERBINETTA(indes die vier weitertanzen)
Wie sie sich schwingen,
Tanzen und singen gefiele
Der eine oder der andere
Der eine oder der andere
Gefiele mir schon.
HARLEKIN
Es gilt, ob Tanzen,
Ob Singen tauge,
ZERBINETTA
Es gilt, ob Tanzen,
Ob Singen tauge,
TRUFFALDIN
Es trocknet Tränen
Der lose Wind:
SCARAMUCCIO
Es gilt, ob Tanzen,
Ob Singen tauge,
ZERBINETTA
Von Tränen zu trocknen
Ein schönes Auge.
HARLEKIN
Es trocknet Tränen
Die schmeichelnde Sonne,
BRIGHELLA
Es gilt, ob Tanzen,
Ob Singen tauge,
ZERBINETTA
Es trocknet Tränen
Die schmeichelnde Sonne,
SCARAMUCCIO
Es gilt, ob Tanzen,
Ob Singen tauge,
ZERBINETTA
Es trocknet Tränen
Der lose Wind:
Wie sie sich schwingen,
Tanzen und singen gefiele
Der eine oder der andere
mir schon.
SCARAMUCCIO, HARLEKIN, TRUFFALDIN
Die Dame gibt mit trüben Sinn
Sich allzusehr dem Kummer hin.
BRIGHELLA
Es gilt, ob Tanzen,
Ob Singen tauge,
Von Tränen zu trocknen
Ein schönes Auge.
TRUFFALDIN
Es gilt, ob Tanzen,
Ob Singen tauge,
SCARAMUCCIO, HARLEKIN
Es trocknet Tränen
Die schmeichelnde Sonne,
SCARAMUCCIO, HARLEKIN, TRUFFALDIN
Es trocknet Tränen
Der lose Wind:
ZERBINETTA
Wie sie sich schwingen,
Tanzen und singen gefiele
SCARAMUCCIO, HARLEKIN
Es gilt, ob Tanzen,
Ob Singen tauge,
BRIGHELLA
Es trocknet Tränen
Die schmeichelnde Sonne,
SCARAMUCCIO
Ob Tanzen,
Ob Singen tauge,
HARLEKIN
Von Tränen zu trocknen
Ein schönes Auge.
ZERBINETTA
Der eine oder der andere
Gefiele mir schon.
BRIGHELLA
Es trocknet Tränen
Der lose Wind:
TRUFFALDIN
Es gilt, ob Tanzen,
Ob Singen tauge,
HARLEKIN
Es trocknet Tränen
Der lose Wind:
ZERBINETTA
Wie sie sich schwingen,
Tanzen und singen gefiele
SCARAMUCCIO
Es gilt, ob Tanzen,
Ob Singen tauge,
BRIGHELLA
Es gilt, ob Tanzen,
Ob Singen tauge,
TRUFFALDIN
Von Tränen zu trocknen
Ein schönes Auge.
ZERBINETTA
Der eine oder der andere
Gefiele mir schon.
BRIGHELLA, SCARAMUCCIO, HARLEKIN
Es trocknet Tränen
Der lose Wind:
ZERBINETTA
Doch die Prinzessin
Verschliesst ihre Augen,
Sie mag nicht die Weise,
Sie liebt nicht den Ton.
(indem sie zwischen die vier Tänzer tritt)
TRUFFALDIN
Es gilt, ob Tanzen,
Ob Singen tauge,
SCARAMUCCIO
Es gilt, ob Tanzen,
Ob Singen tauge,
ZERBINETTA
Geht doch!
HARLEKIN
Es gilt, ob Tanzen,
Ob Singen tauge,
ZERBINETTA
Lasst's doch! Ihr fallet zur Last!
TRUFFALDIN(indem sie weitertanzen)
Sie aufzuheitern,
HARLEKIN(indem sie weitertanzen)
Befahl den Begleitern,
DIE VIER(indem sie weitertanzen)
O traurige Dame,
Das hübsche Kind!
ZERBINETTA
Geht doch!
Ihr fallet zur Last!
BRIGHELLA
Doch wie wir tanzen,
Doch wie wir singen,
TRUFFALDIN
Es gilt, ob Tanzen,
Ob Singen tauge,
Von Tränen zu trocknen
Ein schönes Auge.
SCARAMUCCIO, HARLEKIN
Es trocknet Tränen
Die schmeichelnde Sonne,
BRIGHELLA
Was wir auch bringen,
Wir haben kein Glück.
SCARAMUCCIO, HARLEKIN
Es trocknet Tränen
Der lose Wind:
ZERBINETTA(indem sie sie mit Gewalt fortdrängt)
Drum lasset das Tanzen,
Lasset das Singen,
BRIGHELLA, SCARAMUCCIO, HARLEKIN
Doch wie wir tanzen,
wie wir singen,
TRUFFALDIN
Es gilt, ob Tanzen,
Ob Singen tauge,
ZERBINETTA
Lasset das Singen,
Zieht euch zurück!
BRIGHELLA, SCARAMUCCIO, HARLEKIN
Was wir auch bringen,
Wir haben kein Glück.
TRUFFALDIN
Von Tränen zu trocknen
Ein schönes Auge.
ZERBINETTA
Drum lasset das Tanzen,
Lasset das Singen,
DIE VIER
Doch wie wir tanzen,
wie wir singen,
ZERBINETTA
Drum lasset das Singen,
Lasset das Tanzen,
DIE VIER
Doch wie wir tanzen,
wie wir singen,
Doch wie wir tanzen,
wie wir singen,
BRIGHELLA, SCARAMUCCIO, HARLEKIN
Was wir auch bringen,
Wir haben kein Glück.
ZERBINETTA
Drum lasset das Singen,
HARLEKIN
Doch wie wir tanzen,
wie wir singen,
ZERBINETTA
Zieht euch zurück!
BRIGHELLA, SCARAMUCCIO, HARLEKIN
Was wir auch bringen,
Wir haben kein Glück.
TRUFFALDIN
Wir haben kein Glück.
ZERBINETTA
Drum lasset das Tanzen,
Lasset das Singen,
HARLEKIN
Doch wie wir tanzen,
wie wir singen,
Wir haben kein Glück.
BRIGHELLA
Doch wie wir tanzen, singen,
SCARAMUCCIO
Doch wie wir tanzen, singen,
TRUFFALDIN
Es gilt, ob Tanzen,
Ob Singen tauge,
ZERBINETTA
Zieht euch zurück!
(Sie schafft sie weg. Dann mit einer tiefen Verneigung vor Ariadne)
Grossmächtige Prinzessin,
wer verstünde nicht,
Dass so erlauchter
und erhabener Personen Traurigkeit
Mit einem anderen Mass
gemessen werden muss
Als der gemeinen Sterblichen. -
Jedoch
(Einen Schritt nähertretend, doch Ariadne achtet in keiner Weise auf sie.)
Sind wir nicht Frauen unter uns,
und schlägt denn nicht
In jeder Brust
ein unbegreiflich,
ein unbegreiflich Herz?
(Abermals näher, mit einem Knicks, Ariadne, ihrer nicht zu achten, verhüllt ihr Gesicht.)
Von unserer Schwachheit sprechen,
Sie uns selber eingestehen,
Ist es nicht schmerzlich süss ?
Und zuckt uns nicht der Sinn danach?
Sie wollen mich nicht hören -
Schön und stolz und regungslos,
Als wären Sie die Statue
auf Ihrer eigenen Gruft -
Sie wollen keine andere Vertraute
Als diesen Fels und diese Wellen haben?
(Ariadne tritt an den Eingang ihrer Höhle zurück.)
Prinzessin, hören Sie mich an -
nicht Sie allein,
Wir alle -
ach, wir alle -
was Ihr Herz erstarrt,
Wer ist die Frau,
die es nicht durchgelitten hätte?
Verlassen! in Verzweiflung!
ausgesetzt!
Ach,
solcher wüsten Inseln sind unzählige
Auch mitten unter Menschen,
ich - ich selber
Ich habe ihrer mehrere bewohnt
Und habe nicht gelernt,
die Männer zu verfluchen.
( tritt vollends in die Höhle zurück, Zerbinetta richtet ihre weiteren Tröstungen an die Unsichtbargewordene.)
Treulos - sie sinds!
Ungeheuer, ohne Grenzen!
Eine kurze Nacht,
Ein hastiger Tag,
Ein Wehen der Luft,
Ein fliessender Blick
Verwandelt ihr Herz!
Aber sind wir denn gefeit
Gegen die grausamen -
entzückenden,
Die unbegreiflichen Verwandlungen?
Noch glaub' ich dem einen
ganz mich gehörend,
Noch mein' ich mir selber
so sicher zu sein,
Da mischt sich im Herzen
leise betörend
Schon einer nie gekosteten Freiheit,
Schon einer neuen verstohlenen Liebe
Schweifendes freches Gefühle sich ein!
Noch bin ich wahr,
und doch ist es gelogen,
Ich halte mich treu
und bin schon schlecht,
Mit falschen Gewichten
wird alles gewogen -
Und halb mich wissend
und halb im Taumel
Betrüg' ich ihn endlich
Betrüg' ich ihn endlich
und lieb' ihn noch recht!
Noch mein' ich mir selber
so sicher zu sein,
Da mischt sich im Herzen
leise betörend
Schon einer neuen verstohlenen Liebe
So war es mit Pagliazzo
Und mit Mezzetin!
Dann war es Cavicchio,
Dann Burattin,
Dann Pasquariello !
Ach, und zuweilen,
Will es mir scheinen,
Waren es zwei!
Doch niemals Launen,
Immer ein Müssen!
Immer ein neues
Beklommenes Staunen.
Dass ein Herz so gar sich selber,
nicht versteht,
Gar sich selber
nicht versteht!
Als ein Gott kam jeder gegangen,
Und sein Schritt schon
machte mich stumm,
Küsste er mir Stirn und Wangen,
War ich von dem Gott gefangen
Und gewandelt um und um!
Als ein Gott kam jeder gegangen,
Jeder wandelte mich um,
Küsste er mir Mund und Wangen,
Hingegeben war ich stumm!
Als ein Gott kam jeder gegangen,
Jeder wandelte mich um,
Küsste er mir Stirn und Wangen,
War ich von dem Gott gefangen
Hingegeben war ich stumm!
Hingegeben ah!
Kam der neue Gott gegangen,
Hingegeben war ich stumm!
stumm, stumm…
(Echo, unsichtbar, wiederholt das Rondo, aber ohne Text, ad libitum. Harlekin springt aus der Kulisse.)
HARLEKIN
Hübsch gepredigt! Aber tauben Ohren!
ZERBINETTA
Ja, es scheint, die Dame und ich
sprechen verschiedene Sprachen.
HARLEKIN
Es scheint so.
ZERBINETTA
Es ist die Frage,
ob sie nicht schliesslich lernt,
sich in der meinigen auszudrücken.
HARLEKIN
Wir wollen's abwarten.
Was wir aber nicht abwarten wollen -
(Er ist mit einem Sprung dicht bei ihr, sucht sie zu umarmen.)
ZERBINETTA(macht sich los)
Wofür hältst du mich?
HARLEKIN
Für ein entzückendes Mädchen,
dessen Beziehungen zu mir
dringend einer Belebung bedürfen
ZERBINETTA
Unverschämter!
und ausserdem: hier!
Zwei Schritte von der Wohnung
der Prinzessin!
HARLEKIN
Pah! Wohnung, es ist eine Höhle.
ZERBINETTA
Was ändert das?
HARLEKIN
Sehr viel, sie hat keine Fenster.
(versucht abermals sie zu küssen)
ZERBINETTA(macht sich energisch los)
Ich glaube, du wärest wirklich fähig!
HARLEKIN
Zweifle nicht, zu allem!
ZERBINETTA(misst ihn mit dem Blick, halbfür sich)
Zu denken, dass es Frauen gibt,
denen er ebendarum gefiele -
HARLEKIN
Und zu denken,
dass du von oben bis unten
eine solche Frau bist!
BRIGHELLA, SCARAMUCCIO, TRUFFALDIN(stecken links und rechts ihre Köpfe aus der Kulisse)
Pst! Pst! Zerbinettal
ZERBINETTA(hat sich Harlekin entzogen, läuft nach vorn, vor sich, beinahe ad spectatores)
Männer! Lieber Gott,
wenn du wirklich wolltest,
dass wir ihnen widerstehen sollten,
warum hast du sie so verschieden
geschaffen?
DIE VIER
Eine Störrische zu trösten,
Lasst das peinliche Geschäft!
Will sie sich nicht trösten lassen,
Lasst sie weinen, sie hat recht!
(Zerbinetta tanzt von einem zum anderen, weis jedem zu schmeicheln.)
BRIGHELLA(mit albernem Ton)
Doch ich bin störrisch nicht,
Gibst du ein gut Gesicht.
Ach, ich verlang' nicht mehr,
Freu' mich, freu' mich so sehr.
SCARAMUCCIO(mit schlauem Ausdruck)
Auf dieser Insel
Gibt's hübsche Plätze.
Komm', lass dich führen,
Ich weiss Bescheid!
TRUFFALDIN(täppisch lüstern)
Wär' nur ein Wagen,
Ein Pferdchen nur mein,
Hätt' ich die Kleine
Bald wo allein!
HARLEKIN(diskret im Hintergrund)
Was sie vergeudet
Augen und Hände,
Laur' ich im stillen
Hier auf das Ende!
ZERBINETTA(von einem zum anderen tanzend)
Immer ein Müssen,
Niemals Launen,
Immer ein neues
Unsägliches Staunen!
DIE VIER, MIT ZERBINETTA(in beliebiger Verschränkung)
BRIGHELLA
Ich bin nicht störrisch.
HARLEKIN
Ich laure im stillen.
SCARAMUCCIO
Hätt' ich das Mädchen
TRUFFALDIN
Ich wüsste Bescheid!
ZERBINETTA(im Tanzen)
So war's mit Pasquariello
Und so mit Mezzetin!
HARLEKIN
Was sie vergeudet
Augen und Hände,
ZERBINETTA(im Tanzen)
Dann mit Cavicchio
Und mit Burattin!
HARLEKIN
Laur' ich im stillen
Hier auf das Ende!
ZERBINETTA
Niemals Launen,
BRIGHELLA
Ich bin nicht störrisch.
ZERBINETTA
Immer ein Müssen,
HARLEKIN
Ich laure im stillen.
SCARAMUCCIO
Hätt' ich das Mädchen
ZERBINETTA
Und ach, zuweilen
Waren es zwei!
Und ach,
HARLEKIN
Ich laure im stillen.
ZERBINETTA
zuweilen, zuweilen
BR1GHELLA, SCARAMUCCIO, TRUFFALD1N
Hätt' ich das Mädchen
Ich wüsste Bescheid!
ZERBINETTA
zuweilen,
HARLEKIN
Hier auf das Ende!
ZERBINETTA
Waren es zwei!
Unterm Tanzen scheint sie einen Schuh zu verlieren. Scaramuccio , flink, erfasst den Schuh und küsst ihn. Sie lässt sich ihn von ihm anziehen, wobei sie sich auf Truffaldin stützt, der ihr von der anderen Seite zu Füssen gefallen ist.
ZERBINETTA(zu Truffaldin)
Wie er feurig sich erniedert!
ZERBINETTA(aufs neue tanzend)
Mach' ich ihn auf diese neidig
BRIGHELLA(steif tanzend und singend)
Macht sie mich auf diese neidig,
Ach, wie will ich mich,
Ach, wie will ich mich,
Ach, wie will ich mich geschmeidig
SCARAMUCCIO(gleichfalls tanzend)
Macht sie uns auf diesen neidig,
Hei, wie alle sich geschmeidig,
ZERBINETTA
Wird der steife - wie geschmeidig,
Wird der steife Bursch sich drehn!
BRIGHELLA
Um die hübsche Puppe drehn!
TRUFFALDIN(ebenso)
Wie sie jeden sich geschmeidig,
Einen auf den anderen neidig,
SCARAMUCCIO
Hui, um ihre Gunst sich drehn!
TRUFFALDIN
Ohne Pause weiss zu drehn!
ZERBINETTA
Mach' ich ihn auf diese neidig
Wird der steife - wie geschmeidig,
Wird der steife Bursch sich drehn!
BR1GHELLA, SCARAMUCCIO, TRUFFALD1N
Hei, wie will ich mich geschmeidig
Um die hübsche Puppe drehn!
Während die drei sich drehen, wirft sich Zerbinetta rückwärts Harlekin in die Arme und eilt, mit ihm zu verschwinden.
TRUFFALDIN
Mir die Hand!
SCARAMUCCIO
Mir der Schuh!
BRIGHELLA
Mir der Blick!
SCARAMUCCIO
Das war das Zeichen,
TRUFFALDIN
Das war das Zeichen,
BRIGHELLA
Das war das Zeichen,
TRUFFALDIN
Mir die Hand!
SCARAMUCCIO
Das war das Zeichen,
TRUFFALDIN
Das war das Zeichen,
BRIGHELLA, SCARAMUCCIO
Mich erwartet das himmlische Wesen,
TRUFFALDIN
Schlau aus dem Kreise
BRIGHELLA, SCARAMUCCIO
Mich zum Freunde hat sie erlesen!
TRUFFALDIN
muss ich mich schleichen!
BR1GHELLA, SCARAMUCCIO, TRUFFALD1N
Mich zum Freunde hat sie erlesen!
Mich erwartet das himmlische Wesen,
Alle drei schleichen verstohlen in die Kulisse, gleich darauf erscheint zuerst Scaramuccio, von rechts kommend, vor der Bühne, verlarvt.
SCARAMUCCIO
Pst, wo ist sie? Wo mag sie sein?
Pst, wo ist sie?
Wo mag sie sein?
(späht herum, geht rechts um die Bühne herum)
BRIGHELLA
(verlarvt, von links kommend, leise, dummschlau)
Pst, wo ist sie?
Wo mag sie sein?
(wendet sich nach rechts, stösst dort mit dem zurückkehrenden Scaramuccio zusammen)
TRUFFALDIN
(verlarvt, von links, an der linken Ecke in eben dem Augenblick hervorkommend, als Brighella nach rechts den ersten Schrtt tut)
Pst, wo ist sie?
Wo mag sie sein?
(Stösst mit den beiden zusammen; alle drei taumeln sie in die Mitte.)
BRIGHELLA
(für sich)
Verdammter Zufall!
SCARAMUCCIO
(für sich)
Verdammter Zufall!
TRUFFALDIN
(für sich)
Verdammter Zufall!
Aber man erkennt mich nicht!
SCARAMUCCIO
Aber man erkennt mich nicht!
BRIGHELLA
Aber man erkennt mich nicht!
Zerbinetta und Harlekin sind links vorne wieder erschienen.
ZERBINETTA
Dass ein Herz so gar sich selber,
nicht versteht,
Gar sich selber nicht versteht!
(Brighella, Scaramuccio, Truffaldin sehen einander an.)
HARLEKIN
Ach, wie reizend, fein gegliedert!
DIE DREI GESELLEN
Ai! Ai! Ai! Ai!
ZERBINETTA
Hand und Lippe, Mund und Hand!
DIE DREI GESELLEN
Ai! Ai! Ai! Ai!
HARLEKIN UND ZERBINETTA
Hand und Lippe, Mund und Hand,
Welch ein zuckend Zauberband.
SCARAMUCCIO
Ai! Ai!
TRUFFALDIN
Ai! Ai!
BRIGHELLA
Ai! Ai! Ai! Ai!
BR1GHELLA, TRUFFALD1N
Der Dieb!
SCARAMUCCIO
Ai! Ai!
BRIGHELLA
Ai! Ai!
TRUFFALDIN
Ai! Ai! Ai! Ai!
BR1GHELLA, TRUFFALD1N
Der Dieb!
TRUFFALDIN
Der niederträchtige Dieb!
BRIGHELLA, SCARAMUCCIO
Der niederträchtige Dieb!
TRUFFALDIN
Der niederträchtige Dieb!
BRIGHELLA, SCARAMUCCIO
Der niederträchtige Dieb!
DIE DREI GESELLEN
Der niederträchtige Dieb!
ZERBINETTA
Sieh, wie reizend, fein gegliedert!
Wie der Druck den Druck erwidert,
Hand und Lippe, Mund und Hand,
Hand und Lippe, Mund und Hand,
HARLEKIN
Ach, wie reizend, fein gegliedert!
Wie der Druck den Druck erwidert,
Hand und Lippe, Mund und Hand,
TRUFFALDIN
Ai! Ai! Ai! Ai!
DIE DREI GESELLEN
Der Dieb! Der Dieb!
HARLEKIN UND ZERBINETTA
Welch ein zuckend Zauberband.
DIE DREI GESELLEN
Der niederträchtige Dieb!
Ai! Ai! Ai! Ai!
HARLEKIN UND ZERBINETTA
Welch ein zuckend Zauberband.
DIE DREI GESELLEN
Ai! Ai! Ai! Ai! Ai! Ai!
ZERBINETTA
Hand und Lippe, Mund und Hand,
HARLEKIN
Welch ein zuckend Zauberband.
DIE DREI GESELLEN
Der Dieb!
HARLEKIN UND ZERBINETTA
Welch ein zuckend Zauberband.
DIE DREI GESELLEN
Der Dieb!
Der nieder-, niederträchtige Dieb!
BRIGHELLA
Ai! Ai! Ai! Der Dieb!
SCARAMUCCIO
Ai! Ai! Ai! Ai!
TRUFFALDIN
Ai! Ai! Ai! Der Dieb!
SCARAMUCCIO
Ai! Ai! Ai! Ai!
BRIGHELLA
Ai! Ai!
TRUFFALDIN
Ai! Ai!
Die Bühne bleibt nach AbgaiZg derfünf Masken (Zerbinetta, Harlekin usw.) leer. Zwischenspiel des Orchesters, auf Bacchus bezüglich, durchausftemdarlig, geheimnisvoll; sodann Najade, Dryade, Echo treten, fast zugleich, hastig auf von rechts, links und rückwärts.
DRYADE
(aufgeregt)
Ein schönes Wunder!
NAJADE
Ein reizender Knabe!
DRYADE
Ein junger Gott!
ECHO
Ein junger Gott,
DRYADE
So wisst ihr - ?
NAJADE
Den Namen?
ECHO
Ein junger Gott,
DRYADE
Bacchus!
NAJADE
Bacchus!
ECHO
Ein junger Gott!
NAJADE
Ein reizender Knabe!
DRYADE
Mich höret doch an!
NAJADE
Mich höret.
DRYADE
Die Mutter starb bei der Geburt.
NAJADE
Eine Königstochter.
DRYADE
Eines Gottes Liebste!
NAJADE
Eine Königstochter.
DRYADE
Eines Gottes Liebste!
NAJADE
Was für eines Gottes?
ECHO
(enthusiastisch)
Eines Gottes Liebste!
DRYADE
Aber den Kleinen - hört doch! -
NAJADE
(begeistert)
Nymphen zogen ihn auf!
ECHO
Eines Gottes Liebste!
DRYADE
Nymphen zogen ihn auf!
ECHO
(begeistert)
Nymphen zogen ihn auf!
Nymphen zogen ihn auf!
NAJADE
Nymphen! das zarte, göttliche Kind!
DRYADE
Nymphen! das zarte, göttliche Kind!
ECHO
Nymphen zogen ihn auf!
Nymphen zogen ihn auf!
NAJADE, DRYADE
Ach, dass nicht wir es gewesen sind.
ECHO
(vogelhaft)
Ach, dass nicht wir es gewesen sind.
DRYADE
Er wächst wie die Flamme unter dem Wind.
NAJADE
Ist schon kein Kind mehr -
ECHO
Ist schon kein Kind mehr -
NAJADE
Knabe und Mann!
DRYADE
Schnell zu Schiffe mit wilden Gefährten!
NAJADE
Nächtig im Wind die Segel gestellt!
DRYADE
Er am Steuer,
NAJADE
Kühn! der Knabe!
DRYADE
Kühn! der Knabe!
ECHO
(vogelhaft)
Er am Steuer,
NAJADE
Heil dem ersten Abenteuer!
ECHO
Er am Steuer,
DRYADE
Das erste? Ihr wisst, was es war?
NAJADE
Circe! Circe! an ihrer Insel
ECHO
Circe! Circe!
NAJADE
Landet das Schiff, zu ihrem Palast
ECHO
An ihrer Insel landet das Schiff,
NAJADE
Schweift der Fuss,
ECHO
zu ihrem Palast
NAJADE
nächtlich mit Fackeln -
ECHO
Schweift der Fuss,
nächtlich mit Fackeln -
DRYADE
An der Schwelle empfängt sie ihn,
An den Tisch zieht sie ihn hin,
Reicht die Speise,
ECHO
Reicht die Speise,
DRYADE
reicht den Trank
NAJADE
(eifrigst)
Den Zaubertrank-!
ECHO
Den Zaubertrank-!
NAJADE
Die Zauberlippen!
ECHO
Allzu süsse Liebesgabe!
DRYADE
(Triumph im Ton)
Doch der Knabe - doch der Knabe!
Wie sie frech und überheblich
Ihn zu ihren Füssen winkt
Ihre Künste sind vergeblich,
Weil kein Tier zur Erde sinkt!
ZU DREIEN
Ihre Künste sind vergeblich,
Ihre Künste sind vergeblich,
Weil kein Tier zur Erde sinkt!
DRYADE
Aus den Armen ihr entwunden
Blass und staunend, ohne Spott -
Nicht verwandelt, nicht gebunden
Steht vor ihr ein junger Gott!
ECHO
Nicht verwandelt, nicht gebunden
Steht vor ihr ein junger Gott!
NAJADE, DRYADE
(am Eingang der Höhle)
Ariadne!
ECHO
Nicht verwandelt,
DRYADE
Schläft sie?
NAJADE
Schläft sie?
ECHO
Nicht gebunden
DRYADE
Nein! sie hört uns!
NAJADE
(der Ariadne meldend)
Ein schönes Wunder!
ECHO
Nicht verwandelt,
DRYADE
Ein schönes Wunder!
ECHO
Ein Knabe!
NAJADE
Ein Gott!
DRYADE
(immer gegen die Höhle hin)
Gestern noch der Gast der Circe,
Mit ihr liegend bei dem Mahle
ECHO
Nicht gebunden
DRYADE
Nippend von dem Zaubertrank -
ECHO
Ein Knabe!
NAJADE
Heute ist er hier bei uns!
DRYADE
Ein Gott!
NAJADE
Hörst du?
DRYADE
Hörst du?
NAJADE
Ariadne!
DRYADE
Ariadne!
Bacchus' Stimme wird hörbar. Im gleichen Augenblick, wie von Magie hervorgezogen, tritt Ariadne lauschend aus der Höhle. Die drei Nymphen, lauschend, treten seit- und rückwärts zurück.
BACCHUS
(erscheint auf einem Felsen, Ariadne und den Nymphen unsichtbar)
Circe, Circe, kannst du mich hören?
Du hast mir fast nichts getan
Doch die dir ganz gehören,
Was tust du denen an?
Circe, ich konnte fliehen,
Sieh, ich kann lächeln und ruhn -
Circe, Circe, was war dein Wille,
An mir zu tun?
ARIADNE
(in sein Singen hinein, vor sich, leisest)
Es greift durch alle Schmerzen,
Auflösend alte Qual:
ans Herz im Herzen greift's.
NAJADE, DRYADE, ECHO
(leise, zaghaft)
Töne, töne, süsse Stimme,
Fremder Vogel, singe wieder,
Deine Klagen, sie beleben,
Uns entzücken solche Lieder!
Uns entzücken solche Lieder!
BACCHUS
(schwermütig, lieblich)
Doch da ich unverwandelt
Von dir gegangen bin,
Was haften die schwülen Gefühle
An dem benommenen Sinn?
Als wär' ich von schläfernden Kräutern
Betäubt, ein Waldestier! -
Circe, was du nicht durftest,
Geschieht es doch an mir?
ARIADNE
(wie oben)
O Todesbote,
süss ist deine Stimme!
Balsam ins Blut,
und Schlummer in die Seele!
NAJADE, DRYADE, ECHO
(nachdem die Stimme zu verstummen scheint, leise)
Töne, töne, süsse Stimme,
Süsse Stimme, töne wieder!
Deine Klagen, sie beleben!
Uns entzücken deine Lieder!
Uns entzücken deine Lieder!
BACCHUS
(fröhlich, mit etwas wie graziösem Spott)
Circe, Circe,
Circe, ich konnte fliehen!
Circe, du hast mir fast nichts getan!
Circe, ich konnte fliehen!
Sieh, ich kann lächeln und ruhn!
Circe, Circe - was war dein Wille,
An mir zu tun?
ARIADNE
(zugleich mit ihm, die Augen geschlossen, die Händegehoben nach der Richtung, von der die Stimme tönt, leise)
Belade nicht zu üppig
Mit nächtlichem Entzücken
Voraus den schwachen Sinn!
Die deiner lange harret,
Nimm sie dahin!
Bacchus tritt hervor, steht vor Ariadne.
ARIADNE
(in jähem Schreck, schlägt die Hände vors Gesicht)
Theseus!
(dann schnell sich neigend)
Nein! nein!
Es ist der schöne stille Gott!
Ich grüsse dich,
du Bote aller Boten!
Najade, Dryade, Echo haben sich unter tiefer Verneigug zurückgezogen.
BACCHUS
(ganz jung, zartest im Ton)
Du schönes Wesen!
Bist du die Göttin dieser Insel?
Ist diese Höhle dein Palast?
sind diese deine Dienerinnen?
Singst du am Webstuhl Zauberlieder?
Nimmst du den Fremdling da hinein
Und liegst mit ihm beim Mahl,
Und tränkest du ihn da
mit einem Zaubertrank?
Und ach, wer dir sich gibt,
verwandelst du ihn auch?
Weh! Bist du auch solch eine Zauberin?
ARIADNE
Ich weiss nicht, was du redest.
Ist es, Herr, dass du mich prüfen willst?
Mein Sinn ist wirr
von vielem Liegen ohne Trost!
Ich lebe hier und harre deiner,
deiner harre ich
Seit Nächten, Tagen, seit wievielen,
Ach, ich weiss es nicht mehr!
BACCHUS
Wie? kennest du mich denn?
Du hast mit einem Namen mich gegrüsst.
ARIADNE
Nein! nein! Der bist du nicht,
Mein Sinn ist leicht verwirrt!
BACCHUS
Wer bin ich denn?
ARIADNE
(neigt sich)
Du bist der Herr
über ein dunkles Schiff,
Das fährt den dunklen Pfad.
BACCHUS
(nickt)
ich bin der Herr
über ein Schiff.
ARIADNE
(jäh)
Nimm mich! Hinüber!
Fort von hier mit diesem Herzen!
Es ist zu nichts mehr nütze
auf der Welt.
BACCHUS
(sanft)
So willst du mit mir gehen
auf mein Schiff?
ARIADNE
Ich bin bereit. Du fragst?
Ist es, dass du mich prüfen willst?
(Bacchus schüttelt den Kopf. Ariadne mit unterdrückter Angst)
Wie schaffst du die Verwandlung?
mit den Händen?
Mit deinem Stab?
Wie, oder ist's ein Trank,
Den du zu trinken gibst?
Du sprachst von einem Trank!
BACCHUS
(verträumt in ihrem Anblick)
Sprach ich von einem Trank,
ich weiss nichts mehr.
ARIADNE
(nickt)
Ich weiss, so ist es dort,
wohin du mich führest!
Wer dort verweilet,
der vergisst gar schnell!
Das Wort, der Atemzug
ist gleich dahin!
Man ruht
und ruht vom Ruhen wieder aus;
Denn dort ist
keiner matt vom Weinen -
Er hat vergessen,
was ihn schmerzen sollte:
Nichts gilt,
was hier gegolten hat,
ich weiss -
(Sie schliesst die Augen.)
BACCHUS
(tieferregt, unbewusst feierlich)
Bin ich ein Gott,
schuf mich ein Gott,
Starb meine Mutter in Flammen dahin,
Als sich in Flammen
mein Vater ihr zeigte,
Versagte der Circe Zauber an mir,
Weil ich gefeit bin,
Balsam und Äther
Für sterbliches Blut
in den Adern mir fliesst.
Hör' mich, Wesen,
das vor mir steht,
Hör' mich, du,
die sterben will:
Dann sterben eher
die ewigen Sterne,
Als dass du stürbest
aus meinen Armen!
ARIADNE
(ängstlich zurückweichend vor der Gewalt seines Tones)
Das waren Zauberworte!
Weh! So schnell!
Nun gibt es kein Zurück.
Gibst du Vergessenheit
So zwischen Blick und Blick?
Entfernt sich alles,
Alles von mir?
Die Sonne? Die Sterne?
Ich mir selber?
Sind meine Schmerzen mir auf immer,
immer genommen? Ach!
(verhauchend)
Bleibt nichts
von Ariadne als ein Hauch?
(Sie sinkt, er hält sie. Alles versinkt, ein Sternenhimmel spannt sich über den zweien.)
BACCHUS
(mehr ergriffen als laut)
Ich sage dir,
nun hebt sich erst das Leben an
Für dich und mich!
(Er küsst sie.)
ARIADNE
(entwindet sich ihm, unbewusst, sieht mit bangem Staunen um sich)
Lag nicht die Welt auf meiner Brust?
Hast du, hast du sie fortgeblasen?
BACCHUS
Nun steigt deiner Schmerzen
ARIADNE
Da innen lag die arme Hündin
An' Boden gedrückt, auf kalten Nesseln
BACCHUS
Innerste Lust
ARIADNE
Mit Wurm und Assel und ärmer als sie -
BACCHUS
In dein' und meinem Herzen auf!
ARIADNE
Du Zauberer, du! Verwandler, du!
Blickt nicht
aus dem Schatten
deines Mantels
Der Mutter Augen auf mich her?
Ist so dein Schattenland!
also gesegnet!
So unbedürftig der irdischen Welt?
BACCHUS
Du selber!
du bist unbedürftig,
Du meine Zauberin!
ARIADNE
Gibt es kein Hinüber?
Sind wir schon da?
Wie konnt' es geschehen?
Sind wir schon drüben?
Auch meine Höhle, schön gewölbt
Über ein seliges Lager,
Einen heiligen Altar!
Wie wunder-, wunderbar
verwandelst du!
BACCHUS
Du! Alles du!
Ich bin ein anderer, als ich war!
Der Sinn des Gottes
ist wach in mir,
Dein herrlich Wesen
ganz zu fassen!
Die Glieder reg' ich
in göttlicher Lust!
Die Höhle da! Lass mich,
die Höhle deiner Schmerzen
Zieh' ich zur tiefsten Lust
um dich und mich!
(Ein Baldachin senkt sich von oben langsam über beide, sie einschliessend)
NAJADE, DRYADE, ECHO
(hinter der Bühne, unsichtbar)
Töne, töne, süsse Stimme
ARIADNE
(an seinem Arm hängend)
Was hängt von mir in deinem Arm?
NAJADE, DRYADE, ECHO
Fremder Vogel, singe wieder
ARIADNE
O, was von mir, die ich vergehe.
NAJADE, DRYADE, ECHO
Deine Klagen, sie beleben,
ARIADNE
Fingest du Geheimes
Mit deines Mundes Hauch?
NAJADE, DRYADE, ECHO
Uns entzücken solche Lieder.
ARIADNE
Was, was bleibt von Ariadne?
NAJADE, DRYADE, ECHO
Uns entzücken solche Lieder.
ARIADNE
Was bleibt, was bleibt
von Ariadne?
Lass meine Schmerzen
nicht verloren sein!
ZERBINETTA
(tritt aus der Kulisse, weist mit dem Fächer über die Schulter auf Bacchus und Ariadne zurück und wiederholt mit spöttischem Triumph ihr Rondo)
Kommt der neue Gott gegangen,
Hingegeben
sind wir stumm!
stumm!
BACCHUS' STIMME
Deiner hab' ich um alles bedurft!
ARIADNES' STIMME
Lass meine Schmerzen
nicht verloren sein!
BACCHUS' STIMME
Nun bin ich ein anderer, als ich war,
ARIADNES' STIMME
Bei dir, bei dir lass Ariadne sein!
BACCHUS' STIMME
Deiner, deiner hab' ich um alles bedurft!
BACCHUS' STIMME
Durch deine Schmerzen bin ich reich,
Nun reg' ich die Glieder in göttlicher Lust!
Und eher sterben die ewigen Sterne,
Eh' denn du stürbest aus meinen Armen
Der Baldachin hat sich geschlossen.
(libretto: Hugo von Hofmannsthal)